Geschichten aus 101 Nacht Spieglein, Spieglein

von am 25. Juli 2014 in Allgemein, Leben

Geschichten aus 101 Nacht <small class='subtitle'>Spieglein, Spieglein</small>
Bild: Fito hg

Manche nennen es Zufall. Claudia Ott nennt es Schicksal. In einer Berliner Ausstellung stößt die Orientalistin auf ein geheimnisvolles Manuskript, das bisher niemand entziffern konnte.

Weltweit kann das Manuskript nicht gelesen werden. Doch dann stößt die Orientalistin Claudia Ott bei einer Berliner Ausstellung darauf. Sie übersetzt das Werk. Es erscheint als Buch unter dem Titel “101 Nacht”. Dieses Buch ist eine Sensation. Claudia Ott beschreibt es als “die kleine Schwester” der bekannten Märchen von 1001 Nacht aus dem Orient.

Das Manuskript und der Märchenklassiker entstehen parallel und unabhängig voneinander. Das Manuskript muss 800 Jahre alt sein und stammt aus dem arabischen Okzident. Damit ist das maurische Andalusien gemeint, der islamische Teil von Spanien.

Schahrazad überlebt duch spannende Geschichten

Im neu entzifferten Werk gibt es ähnliche Muster wie im orientalischen Gegenstück, aber mit anderen Geschichten. Wie im Märchen Schneewittchen steht ein indischer König täglich vor dem Spiegel. Er bestaunt seine Schönheit. Doch es gibt einen Kaufmann, der schöner ist. Der König lässt ihn rufen. Es kommt zu einem Schönheitswettbewerb, der vom Motiv “Spieglein, Spieglein an der Wand” ausgeht. Dabei kommt heraus, dass die beiden schönen Männer von ihren Frauen betrogen werden.

Der gebrochene König lässt daraufhin seine Frau töten. Er nimmt sich jede Nacht ein anderes Mädchen, das er nach dem Beischlaf töten lässt. So kann er von keiner Frau betrogen werden. Die kluge Tochter des Wesirs, Schahrazad, ist die Nächste. Doch die gebildete Frau schafft es, nach dem Beischlaf durch spannende Geschichten zu überleben, bis sie von dem König schwanger wird und er sie begnadigt.

Der Existentialismusgedanke ist seiner Zeit voraus

Die erzählerischen Parallelen zwischen 101 Nacht und 1001 Nacht sind klar erkennbar. Aus dem neu entschlüsselten Werk geht auch die bisher unbekannte technische und mechanische Affinität der islamischen Geschichtserzählung hervor. Da ist die Rede von Raketen, Robotern und  magnetischen Wächterfiguren, die bis heute unbekannt waren. Der Leser fühlt sich fast an Jules Verne erinnert.

“Wird hier ein Tod verkauft? Ich will ihn haben. Das Leben taugt nicht für mich Unglücksraben.” Das sagt ein Wesir aus 101 Nacht, der verleumdet wird und alles verliert. Hier taucht schon im zwölften Jahrhundert der Existentialismusgedanke auf. Das ist sensationell, weil dieser Gedanke seiner Zeit weit voraus ist.

Das Abendland hat auch islamische Wurzeln

Zur Entstehungszeit des Werkes arbeiten in Andalusien Religionsvertreter der Juden, Christen und des Islam zusammen. Sie erschaffen eine arabische Leitkultur, die als “Wunder von Andalusien” bezeichnet wird. Dabei wird vieles entwickelt, was später die europäische Renaissance beeinflusst und überhaupt ermöglicht. Die arabische Wissenschaft wird nicht nur zur Perfektion gebracht, sondern auch ins Lateinische übersetzt. So beeinflusst sie von Spanien aus Europa.

Das von Claudia Ott übersetzte Werk ist im Manesse Verlag erschienen. Spannend und lehrreich führt es vor Augen, dass das Abendland neben christlich-jüdischen auch islamische Wurzeln hat.

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