iPUNKT-ONLINE-Serie: Nathan der Weise (Teil 1) Eine Bruderreligion ist nicht fremd

von am 4. August 2013 in Allgemein, Reflektionen

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Bild: Maurycy Gottlieb

Lessing hat kein Problem mit dem Islam. Als Vernunftmensch erkennt er darin die universelle Vernunft und kritisiert die europäische Polemik gegen den Propheten Mohammad (s).

VON CLAUDIA MAIMUNA CRITZMANN

Geht es um den deutschen Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing, blendet man meistens dessen tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Islam aus – zu Unrecht. Bereits in der “Rettung des Hier. Cardanus” setzt sich Lessing für ein anderes Islambild ein, indem er die europäische Polemik gegen den Propheten Mohammad (s) kritisiert.

In seinem dramatischen Gedicht “Nathan der Weise” bildet der Koran eine Vorlage für seinen Toleranzbegriff, der die europäische Aufklärung bis heute prägt. Muslime treten zudem als Anwälte für Vernunft und Menschlichkeit auf. Lessings Botschaft an die protestantische Orthodoxie lautet im “Nathan”: Man muss kein Christ sein, um human zu sein – man kann auch Jude oder Muslim sein.

Der europäische Islamdiskurs hat den Islam als etwas Fremdes festgeschrieben

Für Lessing ist ganz natürlich, was sich übrigens 200 Jahre später bei Tariq Ramadan immer noch wie eine Vision anhört: dass der Islam Zutritt zum Kompetenzbereich der Kritik in den europäischen Gesellschaften erhält. Ob zu wirtschaftlichen, ökologischen, gesellschaftlichen oder sozialen Fragen, der europäische Islam muss seinen Beitrag leisten dürfen und gehört werden. Das sei ein ganz entscheidender Teil seiner Reform, so Ramadan in seinem Buch “Radikale Reform”.

Doch zurück zu Lessing. Seine Botschaft ist klar. Die Berührungsängste hiesiger Politiker, Germanisten und Theatermacher ebenso. Seit Lessing scheint sich die Kompassnadel der europäischen Vernunft kaum bewegt zu haben. Der europäische Islamdiskurs hat den Islam als etwas Fremdes festgeschrieben – und bestätigt sich darin selbst immer wieder, jüngst durch Helmut Schmidt, wie iPUNKT-ONLINE berichtete.

Muslime werden in exotische Kostüme gesteckt

Die Germanistik ist da keine Hilfe. Sie ignoriert, abgesehen von wenigen Ausnahmen, bis heute Lessings anderes Islambild, wie Zahim Mohammed Muslim zeigt. Das führt wiederum dazu, dass sich Politiker sogar oftmals gegen den Islam, dem der “schmerzhafte Prozess der Aufklärung ja erst noch bevor stehe”, auf Lessing und dessen Toleranzbegriff berufen.

Auch das deutsche Theater schert da nicht aus, wie Navid Kermani anhand der Inszenierungen von Claus Peymann im Jahr 2003 zeigt, wo die Muslime, in exotische Kostüme gesteckt, den karnevalistischen Background für die Stimme der europäischen Toleranz in Anzug und Krawatte bilden. Es scheint so, als habe Lessing keine Chance. Ihm war der Islam nicht fremd. Als Vernunftmensch erkannte er darin die universelle Vernunft.

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