iPUNKT-ONLINE-Serie: Nathan der Weise (Teil 2) Die Ringparabel und der Koran

von am 3. August 2013 in Allgemein, Reflektionen

iPUNKT-ONLINE-Serie: Nathan der Weise (Teil 2) <small class='subtitle'>Die Ringparabel und der Koran</small>
Bild: H.- P. Haack & Wikimedia

Das berühmte Werk “Nathan der Weise” ist kein Lehrstück über den Islam. Doch der Autor Gotthold Ephraim Lessing nahm den Koran als Vorlage für die Ringparabel.

Wir, die wir hier in Deutschland, mit oder ohne Kopftuch, zur Schule gegangen sind, kennen die Parabel von den drei Söhnen, deren jeder einen Ring vom Vater geschenkt bekam, aus dem Unterricht. Welcher Ring ist der echte? Welche Religion ist die wahre? Lessing lässt die Parabel freilich anders enden als Boccaccio. Er baut einen Richter ein, dessen Rede weltberühmt wurde, insbesondere diese Verse:

“Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hilf’!
(…) So lad ich über tausend Jahre,
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
Als ich; und sprechen.”

Doch wissen wir, welches Buch diese Rede mit inspiriert hat? Das Stuttgarter “Morgenblatt für gebildete Leser” weist bereits 1850 darauf hin, dass sich insbesondere der Richterspruch auf den Koran, Sure 5, Vers 48 (der Tisch) bezieht.

Lessing nimmt den Koran als Vorlage für seine Ringparabel

“Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen deutlichen Weg festgelegt. Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat, prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.”

Die Germanistik geht dem Hinweis des “Morgenblatts für gebildete Leser” nicht weiter nach. Sie fragt nicht, was es bedeutet, dass der Koran Lessing als Vorlage für seine Überarbeitung der Ringparabel dient. Steckt darin vielleicht ein Teil der Botschaft des “Nathan”? Oder vielmehr ein Teil eines Teils – denn die Parabel entstammt schließlich dem Munde des Juden Nathan, ein weiteres Gewicht auf der Waagschale der Religionen.

Der Sultan als Beispiel sittlichen Anstands und kultivierter Menschlichkeit

Der “Nathan” ist, um nicht ins andere Extrem zu verfallen, weder ein Lehrstück über den Islam noch über die islamische Geschichte zur Zeit des Sultan Saladins, worauf Kermani zu Recht hinweist. Dennoch setzte sich Lessing, wie Muslim nachweist, im Vorfeld intensiv mit Voltaires “Geschichte der Kreuzzüge” und Marins “Geschichte Saladins Sulthans von Egypten und Syrien” auseinander.

Nicht aufs Geratewohl verlegt er sein dramatisches Gedicht ins Jerusalem des 11. Jahrhunderts und stellt – Voltaire und Marin folgend –den muslimischen Sultan als Beispiel sittlichen Anstands und kultivierter Menschlichkeit dem christlichen Fundamentalismus gegenüber. Doch auch dies darf als Teil der Botschaft des “Nathan” nicht missverstanden werden. Der christlich fundamentalistische Patriarch ließe sich heute auch ohne weiteres durch einen islamischen Fundamentalisten oder einen radikalen Zionisten ersetzen. Um die ganze Botschaft des “Nathan” zu erfassen, darf man die Handlung und die teils ambivalenten Figuren nicht außer Acht lassen.

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