Multikulturelle Sozialstation Medizin braucht mehr Kultur

von am 29. Juni 2015 in Allgemein, Leben

Multikulturelle Sozialstation <small class='subtitle'>Medizin braucht mehr Kultur</small>
Bild: Promo

Kultursensible Pflege wird wichtiger. Auch Migranten, die hier leben, werden älter. Darüber sprach iPUNKT-ONLINE mit dem Mitbegründer der multikulturellen Sozialstation in Ludwigshafen, Sertac Bilgin, 31.

Inwieweit hängt Ihre Tätigkeit mit Ihrer Erziehung und Herkunft zusammen?

Ich habe vier Geschwister. Zu Hause gab es immer viel zu tun. Jeder hatte seinen Verantwortungsbereich. Wir halfen unserer Mutter. Wir bezogen Betten, putzten Fenster, bügelten und packten bei allem mit an. Ich war zuständig für das Putzen. Das mache ich heute immer noch. Ich helfe meiner Frau im Haushalt.

Ich achte darauf, Menschen zu helfen. Ich helfe gern, aber ich lasse mich nicht ausnutzen. Der Prophet hat ja auch gesagt: “Der Beste unter euch ist der, der den Menschen Gutes tut.”

Was hat Sie am meisten geprägt?

Mein Glaube, meine Erziehung und mein Umfeld. Durch den Kodex meines Glaubens habe ich gelernt, wie ich mich gegenüber Älteren, Jüngeren und Freunden verhalte. Dieser Kodex beinhaltet die Achtung und Wertschätzung der Mitmenschen, unabhängig von ihrem Glauben.

Welche Ausbildung haben Sie und welche Erinnerung haben Sie an Ihre Schultage?

In einem Krankenhaus in Ludwigshafen schloss ich eine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger ab. Meine Schulzeit war eine schöne Zeit. Ich habe viele positive Erinnerungen daran.

Wer sind Ihre Helden im Leben?

Ich habe keine Helden, aber Vorbilder. Meine Mutter war für mich ein sehr großes Vorbild. Seit ich selbst Kinder habe, kann ich meine Eltern und besonders meinen Vater besser verstehen. Jetzt weiß ich, dass meine Eltern ihren Kindern gegenüber alles richtig gemacht haben.

Wie sind Sie zur multikulturellen Sozialstation MKS-Medical gekommen?

Schon während meiner Ausbildungszeit merkte ich, dass ich irgendwann meine eigene Pflegestation gründen wollte. Ich erkannte sofort, wie groß der Bedarf an multikultureller Pflege in Deutschland ist.

In deutschen Krankenhäusern musste ich zum Beispiel bei türkischen Patienten übersetzen. Ich sah, wie unbeholfen die Medizin sein kann, wenn die Verständigung und die kulturelle Sensibilierung fehlt. Deshalb gründete ich 2008 zusammen mit Ender Önder die MKS-Medical.

Wie ist die Nachfrage?

Die Nachfrage ist sehr groß. In Deutschland gibt es viele Migranten, die auch älter werden.

Was macht MKS-Medical anders als andere Pflegestationen?

Unsere Patienten bekommen von uns eine individuelle Beratung. Wir begleiten sie und helfen ihnen, ihre Anträge zu stellen.

An einem Beispiel erläutere ich, was wir anders machen:

Wir hatten mal eine Patientin. Diese Frau war so zugedröhnt von den Medikamenten, die sie einnahm. Sie ging zum Kardiologen, der verschrieb ihr Medikamente. Aufgrund der Nebenwirkungen ging sie zum Urologen, der verschrieb ihr wieder Medikamente. Mit den neuen Nebenwirkungen ging sie zum Neurologen, der ihr wiederum Medikamente gab.

Die arme Frau nahm am Ende 18 Medikamente morgens, 14 mittags und 7 abends. Die Ärzte wussten nichts voneinander und hatten deshalb keine Ahnung, was sie alles schluckte. Da stellten wir die Kommunikation zwischen den Ärzten her. Sie waren überrascht, was sie da getan hatten.

Nach einer Woche war die Patientin wieder topfit.

An welche Erlebnisse von Migranten in deutschen Krankenhäusern erinnern Sie sich?

Da war mal eine Patientin. Sie hatte einen Schlaganfall und konnte nicht sprechen. Die Pfleger wollten ihr Pudding zu essen geben, aber sie aß  nichts davon. Daraufhin diagnostizierte die Logopädin bei der Patientin Schluckstörungen. Als ich das mitbekam, sagte ich: “Gebt der Frau Joghurt.” Dann ging es auf einmal. Es stellte sich heraus, dass in dem Pudding Gelatine war. Das wusste die Patientin, deshalb aß sie nichts davon. Die Patientin konnte wegen ihrem Schlaganfall aber nicht reagieren.

Wir leben in einer Zeit, wo die Medizin so fortgeschritten ist, aber wir wissen nicht mit der Kultur umzugehen. Aber es gibt Hoffnung.

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