Unterwegs mit Nasrin (Teil 2) Was ist mit den Taliban?

von am 27. Juni 2015 in Allgemein, Leben

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Bild: Udof

Afghanistan gilt immer noch als Krisengebiet. Die Begegnung mit Panzern und Soldaten ist Alltag. Die Menschen nehmen es mit Galgenhumor. Sie scherzen und lachen darüber.

Die Deutsch-Afghanin Nasrin, die an der Heidelberger Universität Islamwissenschaft und Soziologie studiert, trägt aus religiöser Überzeugung schon lange ein Kopftuch. Freiwillig. In den kleinen afghanischen Dörfern zieht sie sich auf Wunsch der Bewohner aber auch die Burka über, obwohl sie den Ganzkörperschleier eigentlich nicht mag. Durch das Sichtgitter kann sie die Sonne nur als Funkeln wahrnehmen. Treppen und Bordsteinkanten erweisen sich als schwer zu bewältigende Hindernisse. “In den Dörfern herrscht noch ein sehr traditionelles Frauenbild vor, was anstrengend für mich ist. Ich versuche den Menschen zu erklären, dass die Burka aus islamischer Sicht nicht notwendig ist. Da werden Tradition und Religion miteinander vermischt. Aber die Leute wollen nicht hören.”

In der Großstadt Kabul kann Nasrin dagegen auf das traditionelle Gewand verzichten. Viele Frauen laufen umher, die einfach nur ein Kopftuch locker umbinden. Der Zuspruch für die Burka ist in Afghanistan also nicht in Stein gemeiselt. “Vor allem die Jugend und der gebildetere Teil der Bevölkerung sprechen sich gegen die Burka aus”, so Nasrin.

Die Afghanen sind sehr stolz auf ihre eigene Kultur

Afghanistan ist immer noch ein Krisengebiet. Die angespannte Lage wird Nasrin bewusst, als sie mit dem Reisebus von Kabul nach Kunduz fährt. Vor dem Bus tauchen plötzlich deutsche Panzer auf. Sie befinden sich auf dem Weg zur Bundeswehrkaserne. “Panzer dürfen nicht überholt werden. Tut man es doch, fühlen sich die Soldaten angegriffen und geraten in Panik”, erklärt die 24-Jährige. Aufgrund des langsamen Tempos der schweren Kriegsmaschinen bremst der Busfahrer ab. Er folgt der Militärkolonne rund 20 Minuten. Während der ganzen Zeit richtet ein Soldat sein Gewehr auf die Reisegesellschaft. Es ist beängstigend. Aber die Fahrgäste lachen und scherzen, dass die Reise wegen der Panzer so lange dauern wird. Sie nehmen die Situation mit Galgenhumor.

Allgemein stehen die Afghanen den ausländischen Soldaten positiv gegenüber. Kinder am Straßenrand winken den Männern und Frauen in Uniform zu. “Die Afghanen sind aber auch sehr stolz auf ihre eigene Kultur. Sie wollen sich diese weder von den Militärs noch von sonst jemandem nehmen lassen”, sagt Nasrin mit entschlossener Stimme. Der Islam untersagt den gläubigen Afghanen zum Beispiel den Alkoholgenuss. Deshalb sehen sie betrunkene amerikanische Soldaten nicht gern. Einige von ihnen  taugen wohl auch von ihrem Verhalten her nicht als Werbeträger für Hochprozentiges – sie sollen im Vollrausch Leute angegriffen und erschossen haben.

Die Taliban spielen mit der Angst der Menschen

Und wie sieht es mit den Taliban aus? “In Kabul spricht niemand über sie”, sagt die junge Frau. “Die Taliban halten sich in ihren Hochburgen auf. Wenn sie diese verlassen, verhalten sie sich ruhig. Sie spielen mit der Angst der Menschen, aber ich weiß nicht, ob sie wirklich so einflussreich sind”, erklärt Nasrin.

Afghanistan hat im Lauf seiner Geschichte schon viele Kriege und bewaffnete Konflikte erlebt. Davon zeugt ein alter verbeulter Reisebus, den die Studentin am Straßenrand findet. Er wurde vor etlichen Jahren von den Sowjets zerstört und zur Erinnerung liegen gelassen. Alle 50 Fahrgäste starben im Bombenhagel. Das alte Busgerippe ist mit vielen bunten Tüchern behängt. “Dabei handelt es sich um einen alten afghanischen Brauch. Wir hängen Tücher an Gräber, wenn die Toten durch die Hand eines anderen aus dem Leben schieden.”

Bei einem Unfall kann man nicht mit einem Krankenwagen rechnen

Abseits der Straßen sieht man allgemein viele liegengebliebene Fahrzeuge. “Wenn ein Unfall passiert oder das Auto den Geist aufgibt, kann man nicht damit rechnen, dass Abschlepp- oder Krankenwagen anrücken”, weiß Nasrin aus eigener Erfahrung. Als ihr Onkel nachts durch die Wüste und das Gebirge fährt, sitzt sie neben ihm im Auto. Er nickt hinter dem Steuer für Sekunden ein. Das Fahrzeug kommt vom Weg ab, überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. “Zum Glück stürzen wir nur auf den Wüstenboden und nicht einen Abhang hinunter. Einige Soldaten, die zufällig vor Ort sind, helfen uns. Es hätten aber auch Banditen sein können. Damit muss man rechnen. Gemeinsam drehen wir das Auto einfach um und fahren weiter.”

Teil 3

Teil 1

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